Neulich scrolle ich abends durch Clips aus den USA. Eine Bühne, Musik wie im Gottesdienst, Hände in der Luft. Dann kippt die Stimmung: Es geht nicht mehr um Vertrauen, sondern um Treue – zu einer Person. Wer zweifelt, gilt als Feind. Ich spüre dabei Unbehagen. Denn ich kenne die Kraft religiöser Sprache. Sie kann trösten, tragen, befreien. Und sie kann missbraucht werden, um Menschen über Kritik zu stellen.
Warum ich das erzähle? Weil sowas rüber schwappt. Erst als Tonfall, dann als Muster. Wenn wir anfangen, politische Figuren zu feiern wie unfehlbare Stars, gilt Widerspruch als Verrat. Aus prüfen wird gehorchen. Das ist gefährlich – für Demokratie und für Glauben. Denn beides braucht: Fragen, Korrektur, Umdenken.
Ich bin religiös aufgewachsen. Mir ist heilig, was Menschen schützt und Macht begrenzt. Wenn Religion mit rechtem Denken verklebt, passiert oft das Gegenteil: „Wir“ gegen „die“, Nation über Würde, Macht über Recht. Leid wird zur Bühne, Trauer zur Waffe. Wer darauf hinweist, entheiligt angeblich. In unserem Podcast „Stachel & Herz“ reden wir darüber, weil Worte reisen – und Bilder auch.
Darum höre ich auch hier genau hin: Wenn große Worte fallen – „retten“, „für immer“ – und eine Person plötzlich unangreifbar wirkt, werde ich wach. So wie Burger und Jeans rüberkamen, kommen auch politische Muster. Der Blick rüber lohnt sich nicht, um zu sagen: „Bei uns ist es besser“, sondern um früh zu merken, was hier leise andockt – und es freundlich, aber deutlich zu stoppen.
Für mich heißt das: Menschen bleiben kritisierbar, Programme bleiben verhandelbar, Trauer bleibt geschützt vor Show. Glaube macht niemanden größer als Kritik; Glaube macht Würde größer als Macht.
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Dies ist ein Beitrag der evangelischen Redaktion PEP für die Verkündigungssendung "Augenblick mal" im NRW-Lokalfunk. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: Julia-Rebecca Riedel | Ev. Rundfunkreferat NRW | Kirche im Privatfunk | Tel.: 0151 - 57417207 | Mail: riedel@rundfunkreferat-nrw.de
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