Pressemitteilung

Lübecker Märtyrer: Gedenken in Rom

Von Christof Beckmann (kath.) Sie stammten aus Münster oder waren dort Studenten und legten sich mit den Nazis an. Es wurde ihr Todesurteil – sie starben in diesen Tagen des Jahres 1943. An die „Lübecker Märtyrer“ wird nun auch in Rom erinnert.

  • 17.11.2025
  • Christof Beckmann (Redaktionsleiter)


INFO: Am Abend des 10.11.2025 läuteten um 18 Uhr in Lübeck alle Kirchenglocken – Grund war wie in jedem Jahr die Todesstunde der vier „Lübecker Märtyrer“. Aber nicht nur dort, auch in der Kirche San Bartolomeo auf der Tiberinsel mitten in Rom wird seit einigen Tagen an sie erinnert: Während der Bistumswallfahrt, an der im Heiligen Jahr vom 19.-25. Oktober rund 800 Menschen zum 30. Geburtstag des Erzbistums Hamburg teilnahmen, wurde ein Stück des Beichtstuhls aus Herz Jesu in Lübeck übergeben, der Heimatgemeinde der drei katholischen Priester, die mit einem lutherischen Pastor am 10. November 1943 mit der Guillotine umgebracht wurden. Die 998 im Auftrag von Kaiser Otto III. errichtete römische Kirche San Bartolomeo auf der Isola Tiberina wurde 2002 von der Gemeinschaft Sant’Egidio zu einer Gedenkstätte für die aus den verschiedenen Konfessionen stammenden Märtyrer des 20. Jahrhunderts gemacht. Adresse: Piazza S. Bartolomeo All’Isola, 22, 00186 Roma RM, Italien, E-Mail: info@sanbartolomeo.org, Internet: https://www.sanbartolomeo.org/, der aktuelle Bericht: https://sanbartolomeo.org/mercoledi-22-ottobre-2025-e-stata-consegnata-la-reliquia-dei-martiri-di-lubecca-alla-basilica-di-san-bartolomeo/.

Gemeinschaft Sant’Egidio: Die 1968 von Andrea Riccardi in Rom gegründete und heute in 70 Ländern verbreitete christliche Gemeinschaft Sant’Egidio setzt sich besonders für das Gebet, für die Armen, eine ausgeprägte ökumenische und interreligiöse Arbeit und für den Frieden ein. Unser Gesprächspartner: Cesare Zucconi, Generalsekretär der Laienbewegung Sant’Egidio, Piazza Sant’Egidio 3a, I-00153 Roma, Italien, Tel. +39 06 4292929, Fax +39 06 5800197, E-Mail: info@santegidio.org, Internet: https://www.santegidio.org/; Kontakt Deutschland: Biedersteiner Str. 1, 80802 München, Tel. +49 89 38667680, E-Mail: info@santegidio.de, Internet: https://www.santegidio.org/

Lübecker Märtyrer: Vor 82 Jahren, am 10.11.1943, wurden die „Lübecker Märtyrer“ im Hamburger Gefängnis am Holstenglacis mit dem Fallbeil hingerichtet. Die vier Geistliche, die in Münster studiert hatten, stehen bis heute für eine Ökumene des Widerstandes im Nationalsozialismus. Die ab 1939 an der Lübecker Hauptkirche Herz Jesu tätigen drei Kapläne Hermann Lange, Johannes Prassek, Eduard Müller und der evangelische Pastor Karl-Friedrich Stellbrink kamen durch gezielte Denunziationen ins Visier der Gestapo, wurden verhaftet und durchlitten eine lange und qualvolle Haftzeit im Lübecker Gefängnis am Burgtor, später in Hamburg.

Als herausragende Figur der Gruppe gilt der 1911 in einfachen Verhältnissen in Hamburg-Barmbek geborene Johannes Prassek. Er legte am Hamburger Johanneum 1931 das Abitur ab und ging zum Theologiestudium an die Jesuiten-Hochschule Sankt-Georgen in Frankfurt am Main. 1933 wechselte er nach Münster, 1935 ins Priesterseminar nach Osnabrück. Nach der Priesterweihe am 13. März 1937 im Dom zu Osnabrück und einer Vikarstelle im mecklenburgischen Wittenburg kam er 1939 an die Lübecker Pfarrei Herz-Jesu, wo er schnell einen guten Ruf als Prediger bekam. In Gesprächskreisen, insbesondere mit Soldaten, sprach er offen über den Nationalsozialismus, kirchenfeindliche Politik des Regimes, Krieg und Verhalten der Machthaber. Prassek lernte Polnisch für die verbotene Seelsorge an Zwangsarbeitern. Mit dem 17 Jahre älteren evangelischen Pastor Karl-Friedrich Stellbrink tauschte er ab Sommer 1941 Informationen über „feindliche“ Rundfunksender und verteilte Flugschriften – u.a. von Clemens August von Galen, Bischof von Münster. Ein Spitzel zeigte Prassek an, er kam am 18. Mai 1942 in das Marstall-Gefängnis des Burgkloster-Gebäudes und wartete mit Stellbrink und den ebenfalls verhafteten Kaplänen Hermann Lange und Eduard Müller über ein Jahr lang auf den Prozess, für den eine eigener Sonderkammer des sog. „Volksgerichtshofs“ zusammengestellt wurde. Die letzten Monate verbrachten die vier Verurteilten im Zuchthaus Hamburg-Holstenglacis in Einzelhaft, durften aber Besuche (u.a. von ihrem Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning) empfangen. Sein Gnadengesuch des Bischofs beim Justizminister und beim Vizepräsidenten des Volksgerichtshofs waren erfolglos.

Schon lange vor Prozessbeginn stand ihr unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefälltes Todesurteil fest. Hitler selbst hatte sich in den Prozess eingeschaltet und jedwede Rechtsmittel untersagt. Das Urteil des Volksgerichtshofes vom 23. April 1942 lautete: „Im Namen des deutschen Volkes … Die Angeklagten haben jeder Rundfunkverbrechen, landesverräterische Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft begangen. Wer den Staat angreift, kämpft damit unmittelbar gegen die geschlossene und einige Gemeinschaft der Deutschen … Die Angeklagten sind hartnäckige, fanatisierte und auch gänzlich unbelehrbare Hasser des nationalsozialistischen Staates. Für solche Verbrecher am Volksganzen wie die Angeklagten Prassek, Lange und Müller es sind, kann es nur die härteste Strafe geben, die das Gesetz zum Schutz des Volkes zulässt, die Todesstrafe!“

Am Mittag des 10. November 1943 erhielten die Häftlinge Nachricht, dass ihre Hinrichtung am gleichen Abend sein werde. Die Notiz lautete: „Heute 18 Uhr Urteilsvollstreckung: Tod durch Enthauptung“. Die Geistlichen schrieben Abschiedsbriefe, kurz vor 18 Uhr wurde die Häftlinge aus dem Gebet gerissen, und einer nach dem anderen gefesselt zum Schafott geführt und durch das Fallbeil hingerichtet. Im Abstand von drei Minuten sterben zuerst Eduard Müller (32), dann Hermann Lange (31), dann Johannes Prassek (31) und zuletzt Karl-Friedrich Stellbrink (49). Die Leichen von Hermann Lange und Karl Friedrich Stellbrink wurden im Ohlsdorfer Krematorium eingeäschert.

Das 2004 im Erzbistum Hamburg begonnene Seligsprechungsverfahren für die drei Kapläne Prassek, Müller und Lange wurde 2010 in Rom abgeschlossen, am 25. Juni 2011 wurden sie vor ihrem Wirkungsort, der katholischen Propsteikirche Herz Jesu in der Lübecker Altstadt, seliggesprochen, Pastor Stellbrink wurde dabei ehrenvoll erwähnt. Sie gelten in ihrem gemeinsamen Zeugnis für ihren Glauben als Beispiel wirklicher Ökumene.

Mehr: Die Internetseite www.luebeckermaertyrer.de versammelt Porträts der vier Geistlichen, ihre Abschiedsbriefe, eine Dokumentation der Seligsprechung, Texte Predigten Gedenkort un Termine sowie Quellen zur tiefergehenden Information. Mehr auch auf Facebook http://www.facebook.com/luebeckermaertyrer. Veröffentlichung Peter Voswinckel, Geführte Wege, Die Lübecker Märtyrer in Wort und Bild, Hamburg 3. Aufl. 2011.

Ehrungen: Am Gefängnis in Hamburg-Holstenglacis wurden Gedenktafeln für die vier Geistlichen angebracht und auf der Straße „Stolpersteine“ gesetzt. In Bad Driburg gibt es seit 2009 einen „Eduard-Müller-Weg“, der vom Clemensheim hinauf zur Waldkapelle führt. Die clementinische Gemeinschaft hält das Andenken an ihren ehemaligen Schüler seit Jahrzehnten lebendig. Einen Eduard-Müller-Weg hat auch Lübeck-St.Lorenz, eine Eduard-Müller-Straße liegt in seiner Heimat Neumünster. In der Hamburger St. Ansgar-Gemeinde/Kleiner Michel wird die Erinnerung an die Märtyrer und Glaubenszeugen wachgehalten. Die Gefängniskirche in ihrer Hinrichtungsstätte erhielt im Gedenken an die vier Lübecker Geistlichen den Namen „Kapelle des 10. November“. Am 25. Juni 2011 fand in Lübeck die Seligsprechung der Lübecker Kapläne statt. Vor der katholischen St. Vicelin-Kirche im Bahnhofsviertel von Neumünster wurde2005ein Stolperstein für Eduard Müller verlegt. Dieser wurde jedoch im Oktober 2022 in einer Nacht stark beschädigt und unleserlich gemacht. Er wurde von der Stadt Neumünster neu eingesetzt und gesegnet.

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Dies ist ein Beitrag der katholischen Redaktion KiP-NRW für die Verkündigungssendung "Augenblick mal" im NRW-Lokalfunk. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Chefredakteur Dr. Christof M. Beckmann | Redaktion KiP-NRW | 0208 - 46849961 | Mail: beckmann@kip-nrw.de
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